Konfliktgespräche


Identical twins fighting

Konfliktgespräche laufen gerne aus dem Ruder. Je nach Bedrohungspotential und Verletzungsgeschichte eskalieren sie schon bei Nichtigkeiten: eine Geste, ein Wort, eine Stimmfärbung und das Raubtier in uns reißt sich von der Kette. Je nach Naturell beißt es offen oder versteckt zu.

Das Motto: wie du mir, so ich dir – aber noch viel mehr. Die Deeskalationsregel des Alten Testaments „Aug um Aug, Zahn um Zahn“ wird bedenkenlos übertreten: Die Reue danach und der eigene Schaden machen auch nicht klüger. Bei der nächsten Konfrontation verpuffen sie in Sekundenbruchteilen.

Ja, so sind wir manchmal. Unser ererbter Savannengefühlshaushalt dominiert dann das Geschehen und unser Großhirn wird zum Handlanger von Wut und Vergeltung. Stellen Sie sich vor, wieviel Frieden die Politik, wieviel Produktivität die Betriebe, wieviel privates Glück die Familien gewinnen könnten, wenn wir diesen Mechanismus auf die Situationen beschränken würden, für die er „gedacht“ ist, nämlich auf akute Lebensbedrohungen.

In unserm Alltag sind solche Situationen selten. Unsere Konflikte lassen sich nicht mit Drauf- oder Abhauen lösen. Ihre Lösung erfordert mehr Großhirn. Die Emotionen müssen besänftigt und die Wahrnehmung differenzierter und realitätsnaher werden. Deshalb lege ich Ihnen als Vorbereitung auf Ihr nächstes Konfliktgespräch folgende Übung ans Herz.

  • Nehmen Sie sich etwas Zeit und Raum für die Übung. Atmen Sie ein paarmal bewusst ein und aus. Das erleichtert die Konzentration auf sich selbst.
  • Vergegenwärtigen Sie sich Ihren Konflikt. Worum geht es? Was ist passiert? Achten sie darauf, welche Gedanken und Gefühle auftauchen. Versuchen Sie sie nicht zu zensieren. Begrüßen Sie auch Ärger, Wut oder Aggressionen. Fragen Sie sich, welche Verletzungen hinter ihnen stehen: Was tut so weh, dass sie so wütend werden? Anerkennen Sie Ihre Verletzungen: Ja, das tut wirklich weh.
  • Lindern Sie Ihren Schmerz, in dem Sie sich selbst trösten. Das klingt vielleicht komisch, aber Selbstmitgefühl funktioniert genauso wie Mitgefühl. Öffnen Sie Ihr Herz sich selbst gegenüber. Vielleicht hilft es ihnen, auf Ideen zu kommen, wie sie Ihren Schmerz lindern und sich beruhigen können, wenn Sie sich an Situationen erinnern, wie Sie selbst liebevoll von jemand getröstet worden sind oder wie Sie jemand anderen, z. B. Ihr Kind getröstet haben.
  • Vergegenwärtigen Sie sich nun Ihre(n) Konfliktpartner(in). Schauen Sie nicht nur auf das verletzende Konfliktverhalten, sondern weiten Sie Ihren Blick und schauen Sie auf die ganze Person. Gibt es etwas an ihr, was unproblematisch oder neutral ist? Vielleicht finden Sie sogar etwas, was Ihnen gefällt, was gut ist, angenehm oder hilfreich für Sie? Oft drängen sich Wut und Aggression immer wieder in den Vordergrund. Das ist ganz normal. Wenn Sie es bemerken, gehen Sie einfach wieder zum vorherigen Schritt zurück. Schauen Sie auf Ihre Verletzung und versuchen Sie sich zu trösten.
  • Zum Schluss schreiben Sie auf, was Sie an Unproblematischem und vielleicht sogar Angenehmen gefunden haben. Das Aufschreiben stabilisiert und verankert die Sicht auf den guten Teil der Beziehungsrealität. Im Affekt sind wir blind für ihn. Das gefundene „Material“ ist dann ein guter Einstieg für das Konfliktgespräch.

Die Übung schwächt nicht Ihre Position. Sie ebnet nur den Lösungsweg: Ihnen hilft sie, Ihre Wünsche und Forderungen ohne überbordende Emotionen vorzubringen, was wiederum Ihrem Gegenüber hilft, Ihnen überhaupt zuzuhören.

Ich wünsche Ihnen eine konfliktarme Zeit.

 

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