Dableiben bei Gefühlen zum Fortlaufen


Wenn uns das Leben wieder mal einen Tiefschlag mit dem entsprechenden Gefühlscocktail beschert, würden wir am liebsten aus der Haut fahren. Da das nicht wirklich klappt, versuchen wir es mit Abschalten, Abhauen und Ablenken, um die oft ziemlich einzigartige Mischung aus Schmerz, Trauer, Wut, Scham, Eifersucht, Ohnmacht und anderen bitteren Zutaten nicht zu schmecken. Wer das nicht versteht, hat noch keinen solchen Cocktail serviert bekommen (oder seine Ablenkungsstrategien perfektioniert). Leider helfen Ablenkungen nicht auf Dauer. Wein, Schokolade, Facebook, Pornos, Stimmungsaufheller usw. verlieren ihre Wirkung und ihre Nebenwirkungen werden zum Problem.

Außerdem sind verdrängte oder ignorierte Gefühle nicht einfach weg, weil wir sie nicht mehr bewusst spüren. Sie sind noch da und ihre unterschwellige Wirkung auf unser Verhalten ist eher größer und unser Spielraum, uns vernünftig, rational und bewusst, d. h. mit möglichst viel „Großhirneinsatz“ zu verhalten, wird unmerklich kleiner. Was tun?

Gefühle gehorchen ja nicht unserem Willen. Niemand steht morgens auf und entscheidet, sich heute mal richtig schlecht zu fühlen und niemand kann willentlich unangenehme Gefühle einfach ausschalten. Gefühle kommen und gehen von selbst. Sie gehorchen ihren eigenen Gesetzen. Das Paradoxe ist: Je mehr wir das respektieren und es aufgeben, sie zu bekämpfen, desto mehr Einfluss gewinnen wir auf sie. Das ist der Kern jeder bewussten Gefühlsregulation – mittlerweile ein Buzzwort in aktuellen Führungskräftetrainings.

Hier eine Achtsamkeitsübung zur Gefühlsregulation, die Sie ausprobieren können, wenn Ihnen das Leben wieder mal einen schmerzhaften Tiefschlag beschert hat. Aber Achtung: Achtsamkeit ist kein Schmerzmittel. Im Gegenteil. Sie tut weh, nur vielleicht weniger lang. Es kann aber sein, dass Gefühle oder Schmerzen im Moment zu überwältigend sind, dann ist auch Achtsamkeit keine gute Idee. Dann erlauben Sie sich abzuschalten und abzulenken.

  • Beginnen Sie damit, dass Sie Ihre vielleicht diffusen oder widersprüchlichen Gefühle wahrnehmen und sie als Teil Ihrer gegenwärtigen Realität anerkennen. Die Wahrnehmung und die Anerkennung können Sie unterstützen, wenn Sie Ihre Gefühle innerlich benennen, so gut das im Moment möglich ist. Sagen Sie zum Beispiel zu sich: „Ja, da ist Trauer, da ist Wut, da ist Scham …
  • Versuchen Sie, Ihre Gefühle in Ihrem Körper zu lokalisieren und ihnen „Raum zu geben“. Das können Sie unterstützen, wenn Sie die körperlichen Empfindungen, die mit Ihren Gefühlen einhergehen, erforschen. Fragen Sie sich: „Wo spüre ich meine Gefühle körperlich? Welche Körperempfindungen habe ich dort? Bleiben sie gleich oder verändern sie sich? Werden sie stärker oder schwächer? Die körperliche Lokalisierung Ihrer Gefühle hilft Ihnen, sie zu relativieren und sich nicht mit Ihnen zu identifizieren: Ich habe ein Gefühl. Ich bin es nicht.
  • Versuchen Sie, nicht ihren Gedanken zu folgen. Wenn Sie bemerken, dass Sie sich gedanklich damit beschäftigen, was zu Ihren Gefühlen geführt hat, was passiert ist, was andere oder sie selbst getan oder gelassen haben oder wohin sich die Dinge weiterentwickeln können, lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihren Körper und ihre Empfindungen zurück. Meistens intensivieren und verlängern die Gedanken unsere Gefühle. Die Gefühle nur zu fühlen ist weniger schlimm als wir glauben.
  • Versuchen Sie, mitfühlend mit sich zu sein. Anerkennen Sie Ihre Schmerzen. Lassen Sie sich von Ihnen berühren. Seien Sie wohlwollend, verständnisvoll, tröstlich, geduldig und liebevoll mit sich, weil es Ihnen schlecht geht, nicht um die schlimmen Gefühle loszuwerden. Ihre Absicht macht den Unterschied.

 

Ich wünsche Ihnen keinen Anlass zum Üben.

 

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