Die Kunst der Improvisation


chefin kritisiert die angestellte

Was hat Improvisation mit schwierigen Gesprächen zu tun? Viel.

Keith Jarrett, der große Jazzpianist, ist einmal gefragt worden, wie er das eigentlich macht, zweistündige Solokonzerte zu geben, die vom ersten bis zum letzten Ton improvisiert sind und immer wieder neu. Seine Antwort war: Wenn ich auf die Bühne gehe, vergesse ich alles, was ich jemals über Musik, Rhythmus, Harmonien und Tonarten gelernt habe und öffne mich der Musik des Augenblicks. Obwohl ich ein großer Jarrett-Fan bin und auch noch Achtsamkeitslehrer, reizen mich solche Antworten gern zum Widerspruch: Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Wir können doch nicht unsere Erwartungen, Ansprüche, Ziele und unsere Routinen einfach über Bord werfen und vergessen.

Bei genauem Hinhören, tut das auch Herr Jarrett nicht. In seinen Konzerten gibt es gut erkennbare Melodien, traditionelle Harmoniefolgen und klassische Rhythmen. Was sagt er uns dann mit seinem „alles vergessen“? Eine Antwort, die mir ein- und gefällt, ist: er lässt sich von seinem Musikknowhow nicht gängeln. Es muss auf „A“ nicht immer „B“ folgen. So gibt er Neuem eine Chance. Davon könnten auch viele Gespräche profitieren.

Wie oft haben wir schon Gespräche geführt, die immer nach dem gleichen Muster gescheitert sind und die Erwartung schüren, dass auch das nächste Gespräch misslingt. Wir sagen „A“, erwarten als Reaktion „B“ und bekommen auch „B“. Dass die Reaktion vielleicht #B ist, bekommen wir gar nicht mit. Hier ein paar Empfehlungen zur Einstimmung auf ein schwieriges Gespräch, um mehr Raum für Zuhören und Neues zu schaffen.

  • Bereiten Sie das Gespräch gut vor. Machen Sie sich Ihre Wünsche, Ziele, und Ansprüche an das Gespräch klar, stellen Sie Ihre Argumente zusammen, überlegen Sie sich ein sinnvolles Vorgehen für das Gespräch und machen Sie sich bewusst, welche Reaktionen – auch die emotionalen – Sie von Ihrem Gegenüber und von sich selbst erwarten.
  • Nehmen Sie sich kurz vor dem Gespräch etwas Zeit. Achten Sie für ein paar Atemzüge auf Ihren Atem. Das entspannt und bringt Sie mehr in die Gegenwart und von dem weg, womit Sie bis jetzt gerade beschäftigt waren. So fördern Sie Ihre Konzentration und Präsenz.
  • Vergegenwärtigen Sie sich nun Ihre Gesprächsvorbereitung: Ihre Ziele, Argumente, Erwartungen usw.
  • Dann lassen Sie das, was Sie von dem Gespräch wollen und erwarten, los. Achtung: Loslassen bedeutet nicht, Ihre Vorbereitung abzuwerten, ungeschehen zu machen, sie zu „löschen“ oder den vorbereiteten Gesprächsverlauf absichtlich zu vermeiden. Loslassen bedeutet nur, „den Griff zu lockern“ und nicht an der Idee festzuhalten, dass das Gespräch so verlaufen muss, wie Sie es erwarten oder geplant haben. Positiv gewendet bedeutet loslassen, auch einem anderen Gesprächsverlauf zuzustimmen. Je mehr Ihnen das gelingt, desto besser können Sie Ihrem Gegenüber zuhören, kreativer darauf reagieren und einen neuen, improvisierten, vielleicht gemeinsameren „Weg nach Rom“ finden. Von denen gibt es immer mehr, als man glaubt.

Leider ist auch Improvisieren keine Erfolgsgarantie für gelingende Gespräche. Aber ohne Präsenz, Zuhören und Improvisieren bleibt alles beim Alten.

Ich wünsche Ihnen viele kreative und stimmige Gespräche.

 

 

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