Enttäuschung


Haben Sie sich schon mal richtig angestrengt, auf vieles verzichtet, sich immer wieder überwunden und mit vollem Einsatz gekämpft, um etwas zu erreichen und zum Schluss hat es dann doch nicht geklappt? Sie haben nicht das erreicht oder bekommen, was sie wollten. Wie haben Sie reagiert, mit Irritation, Niedergeschlagenheit, Selbstkritik, Depression, Protest, Wut oder Aggression? Jede Reaktion ist verständlich, denn Enttäuschung tut weh.

Andererseits hat sie auch eine positive Seite, kann doch eine Täuschung korrigiert werden. Deshalb werden Enttäuschungen gerne als Lernchance für Wachstum und Weiterentwicklung „verkauft“: Seien Sie froh, dass Sie enttäuscht worden sind, so können Sie unrealistische Ziele, erfolglose Strategien aufgeben, eine angemessenere Sicht der Wirklichkeit mit neuen Zielen und Handlungsmöglichkeiten entwickeln und das Gute im Schlechten entdecken usw. Das stimmt zwar alles, aber oft hapert es mit der positiven Sicht der Dinge. Wir stecken im Klagen und Hadern fest. Vielleicht ärgern wir uns auch noch darüber, dass wir hadern.

Und wie immer, wenn wir Unangenehmes weghaben wollen, sorgen wir genau mit diesem Abwehrkampf dafür, dass das Unangenehme, nämlich unsere „schwierigen“ Gefühle, Gedanken und Handlungsimpulse die Hauptrolle auf der Bühne unseres Bewusstseins behalten. Sie haben keine Chance, aus dem Rampenlicht herauszutreten und anderen Protagonisten die Bühne zu überlassen. Erst wenn wir den Kampf aufgeben und der Enttäuschung „Daseinsberechtigung“ geben, werden wir ruhiger. Erst dann werden wir überhaupt fähig und willig, auch die positiven Seiten von Enttäuschungen zu entdecken.

Hier eine Achtsamkeitsübung, mit der Sie der inneren Realität Ihrer Enttäuschung Zeit, Raum und Aufmerksamkeit schenken können.

  • Nehmen Sie sich eine paar Minuten Zeit, um sich Ihrer Enttäuschung zuzuwenden. Sorgen Sie dafür, dass Sie in dieser Zeit ungestört sind und nicht gehört werden können. Legen Sie sich Papier und Stift bereit.
  • Atmen Sie mehrere Male bewusst ein und aus. Spüren Sie, wie sich Ihre Bauchdecke beim Atmen hebt und senkt. Entspannen Sie sich.
  • Wenden Sie sich nun der Enttäuschung zu und den mit ihr verbundenen Gedanken und Gefühlen. Nehmen Sie den Stift in die Hand und beginnen Sie alles das aufzuschreiben, was Ihnen einfällt, ohne nachzudenken, ohne zu bewerten. Das Geschriebene ist nur für Sie. Sie können es nach der Übung vernichten. Deshalb lassen Sie Ihrem Stift einfach freien Lauf bis Ihnen nichts mehr einfällt.
  • Machen Sie eine kurze Pause und konzentrieren Sie sich wieder auf Ihren Atem.
  • Lesen Sie sich nun das Geschriebene, wenn möglich langsam und laut vor. Versuchen Sie freundlich, verständnisvoll und mitfühlend zuzuhören. Immerhin erzählt hier jemand, wie es ist, enttäuscht zu sein. Vielleicht hilft es Ihnen, eine annehmende Haltung einzunehmen, wenn Sie sich bewusst machen, dass das Gehörte lediglich Ihre momentane innere Realität widerspiegelt, die sich ändern kann und wird und die vor allem keine Blaupause für Ihre nächsten Handlungen ist.
  • Machen Sie zum Schluss der Übung einen „Befindlichkeitscheck“. Wie geht es Ihnen jetzt, besser, schlechter oder genauso wie vor der Übung?

Übrigens hat die hier geübte mitfühlende Anerkennung der inneren Wirklichkeit nichts mit Selbstmitleid nach dem Motto „Ich armes Opfer“ zu tun. Selbstmitleid zementiert Tatenlosigkeit und beansprucht immer die Hauptrolle. Selbstmitgefühl besänftigt und räumt die Bühne frei für Veränderungsimpulse.

Ich wünsche Ihnen eine frustrationsarme Zeit.

Ihr Helmut Aatz

 

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