Was sehen wir von Anderen?


Können Sie das lesen? Vermutlich schon. Eine Glanzleistung unseres Gehirns. Und ein schönes Beispiel, wie wir die Wirklichkeit verzerren, um sie handhabbarer zu machen. Kleine Impulse, der erste und letzte Buchstabe einer Buchstabengruppe, reichen aus, um etwas zu lesen, was gar nicht da steht. Kein Buchstabieren, kein Rumrätseln. Das spart Zeit und Energie, so wie der übrige, riesige Erfahrungsschatz, den wir im Laufe unseres Lebens in unseren neuronalen Netzen gespeichert haben.

Doch auch Glanzleistungen werfen Schatten: Der Erfahrungsschatz ist super, wenn wir mit Herausforderungen konfrontiert sind, auf die der Reim, den wir uns machen, auch passt. Manchmal passt er aber nicht, weil die Herausforderung tatsächlich neu ist. Alte Lösungen funktionieren nicht und unser Erfahrungsschatz mutiert zum Handicap. Das bemerken Sie vielleicht, wenn Sie die Buchstabenfolge von oben ganz unverzerrt Buchstabe für Buchstabe lesen wollen, z. B. um neue Muster zu erkennen. Wenn Sie sich nicht stark konzentrieren, funken die bekannten „Wörter“ immer wieder dazwischen.

Noch schwerer wird es, dem Neuen eine Chance zu geben, wenn wir es mit Menschen zu tun haben. Probieren Sie unvoreingenommen in ein Gesicht zu schauen, ohne dass unser Erfahrungsschatz in Form von Vermutungen, Phantasien; Befürchtungen, Erwartungen oder schönen Erinnerungen aktiv wird. Ein schwieriges Unterfangen. Aber wir können uns zumindest unserer Bewertungen bewusst werden und besser zwischen Realität und Kopfkino unterscheiden lernen. Eine wertvolle Unterscheidung, wenn wir daran denken, wie oft wir schon in Interaktionssackgassen gesteckt haben oder noch stecken, in denen die sinnliche Wahrnehmung unseres Gegenübers eigentlich gar nicht mehr stattfindet. Hier eine Übung zur Stärkung dieser Wahrnehmung. Denn nur sie öffnet Türen für Neues.

 

  • Nutzen Sie eine Situation zum Üben, in der Sie andere Menschen gut beobachten können, ohne aufdringlich zu sein, z. B. im öffentlichen Nahverkehr, in Kantinen oder in langweiligen Besprechungen. Wählen Sie eine Person aus.
  • Nehmen Sie nun das Gesicht dieser Person möglichst genau wahr: die Form von Mund, Nase, Backen, Augen, Ohren, Art und Farbe der Haut, die Falten oder Flecken in der Haut, die Bewegungen und Veränderungen im Gesicht. Versuchen Sie nüchtern, wie ein Maler, das Gesicht der Person zu erforschen. Falls die längere Beobachtung des Gesichts unangenehm für Sie ist, beobachten Sie statt des Gesichts die Hände der Person.
  • Während Sie das tun, achten Sie auch darauf, wie Sie das Gesicht bewerten, was Ihnen im Gesicht gefällt und was nicht, ob sie es anziehend oder abstoßend finden, welche Gedanken, Erinnerungen und vielleicht auch Gefühle bei Ihnen auftauchen. Nehmen Sie alle Ihre Reaktionen auf das Gesicht neugierig und so gleichmütig wie möglich zur Kenntnis.
  • Wenn Sie bemerken, dass Sie sich in Bildern, Gedanken oder Erinnerungen verloren haben, was unweigerlich passiert, lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit einfach immer wieder auf das Gesicht der Person, ohne ein Problem daraus zu machen, dass sich Ihr Geist auf Wanderschaft begeben hat.

Diese Übung stärkt die sinnliche Wahrnehmung von Personen im Hier und Jetzt. Die Sinne bieten die beste und oft die einzige Möglichkeit, auf neue Ideen zu kommen und unpassende oder schädliche Gedächtnisschablonen zu entmachten.

 

Ich wünsche Ihnen neuartige, sinnliche Begegnungen.

 

 

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