Das Schnurren des Sinngenerators


Schauen Sie sich das Foto an. Worum geht es in diesem Bild? Wie lange brauchen Sie, um sich eine Geschichte zu diesem Bild zurecht zu legen? Vermutlich nicht lange. Vielleicht fallen Ihnen sogar verschiedene Geschichten ein? Welche überzeugt sie am meisten?

Die richtige Antwort kenne ich auch nicht. Ich möchte Ihnen nur vor Augen führen, wie schnell wir aus etwas Sinn machen, ohne wirklich viel zu wissen. Das ist eine beeindruckende und überlebensnotwendige Leistung unseres Autopiloten. Er versorgt uns blitzschnell und mühelos mit Assoziationen und konstruierten Zusammenhängen, die uns die Welt heimisch und handhabbar machen und unsere Reaktionen und Handlungen bestimmen. Meistens sind diese Konstruktionen auch zutreffend. Aber nicht immer.

Solange es um Bildgeschichten geht, kein Problem. Aber derselbe Mechanismus, nämlich aus wenigen, leicht zugänglichen Informationen Schlüsse zu ziehen, läuft auch bei wichtigerem ab. Wie schnell entwickeln wir falsche Erwartungen, wenn wir von uns auf andere schließen. Wie schnell überschätzen wir unsere Stärken, wenn wir aus einem einmaligen Erfolg auf eine Erfolgsgeschichte schließen. Wie schnell treffen wir falsche Entscheidungen, wenn wir von gutem Aussehen auf gute Arbeit, von Kommunikationsstärke auf Fachkompetenz und von Fachkompetenz auf Führungskompetenz schließen? Die Mühelosigkeit unserer Intuitionen, verführt uns, sie zu glauben. Das erspart uns die Mühe nachzudenken, relevantere Informationen zu suchen und genauer hinzuschauen.

Aber zumindest bei wichtigen Dingen sind wir gut beraten, Tempo rauszunehmen, nicht jede Geschichte, die uns einfällt, unbedacht für wahr zu halten und nicht nur das Vordergründige und Auffällige zu sehen, sondern mehr vom Unauffälligen wahrzunehmen, was manchmal neue und vielleicht treffendere Intuitionen hervorruft. Hier eine Übung dazu.

  • Nutzen Sie zufällige Begegnungen mit Menschen, um ihre Aufmerksamkeit zu schulen. Entscheiden Sie sich, eine bestimmte Situation für die Übung zu nutzen, z. B. die Fahrt mit dem Bus, den Smalltalk zwischen Tür und Angel, die Plauderei im Gehen.
  • Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit, soweit es die Situation erlaubt, auf Dinge bei anderen Menschen, die Sie normalerweise nicht beachten.
  • Hören Sie bewusst, aber vielleicht nur mit halbem Ohr, zum Beispiel auf die Geräusche und den Rhythmus der Schritte, den Klang der Stimme, die Satzmelodie, die Wortwahl.
  • Beobachten Sie, auch nur mit „einem Auge“, zum Beispiel die Bewegungen des Körpers beim Gehen, die Bewegungen und die Form der Hände oder die Haltung des Kopfes.
  • Es ist bei dieser Übung normal, dass Sie Ihre Aufmerksamkeit nicht dauernd „teilen“ können. Das ist ok. Setzen Sie sich nicht unter Druck. Beginnen Sie einfach immer wieder neu, auf das Unauffällige zu achten, wenn es Ihnen einfällt.
  • Bemerken Sie dabei ebenfalls mit „halber“ Aufmerksamkeit die Gedanken, Bilder, Erinnerungen oder auch Gefühle, die durch die Wahrnehmungen vielleicht ausgelöst werden.

Sie können darauf vertrauen, dass jede Wiederholung dieser Übung, Ihre Wahrnehmung auch für wichtigere Situationen schult.

Ich wünsche Ihnen interessante Beobachtungen.

Ihr Helmut Aatz

 

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