Die Wanderbaustelle


Wie lange brauchen Sie, um nach der Arbeit runter zu kommen: Minuten, Stunden, Tage, Wochen? Und was nehmen Sie von der Arbeit mit in die Mittagspause, den Feierabend, das Wochenende, den Urlaub? Stopp! Nicht weiterlesen! Versuchen Sie die Fragen zu beantworten?

Es gibt viele äußere Gründe, die es schwer machen, nach der Arbeit zu entspannen: Arbeitsmenge, Abgabetermine, Ansprüche von Kunden, Kollegen und Chefs und nicht zuletzt die Allgegenwart des Smartphones. Und doch hängt es im Wesentlichen an uns selbst und wie wir uns zu diesen Gründen verhalten, wie gut wir „herunterfahren“ können. Das ist die wissenschaftlich genauso valide, wie gnadenlose Wahrheit der Stress- und Resilienzforschung. Natürlich hören wir sie nicht gern. Entzieht Sie uns doch den Boden, mit Fug und Recht zu jammern, zu klagen und zu hadern. Ein großer Verlust. Wie sonst, sollten wir das Verständnis und Mitgefühl von andern bekommen, das wir in harten Zeiten so dringend brauchen. Wie sonst sollten wir unsere Unterlassungssünden rechtfertigen: kein Spiel, kein Spaß, kein Kino, keine Freunde, zu wenig Schlaf, zu wenig Bewegung.

Aber die Wahrheit kann auch ein großer Gewinn sein, nämlich wenn sie uns hilft, etwas freundlicher mit uns selbst umzugehen. Denn unsere Unfähigkeit zu entspannen, wurzelt oft darin, dass wir uns eine Pause, eine Erholung nicht zugestehen, weil wir uns vorwerfen, nicht gut genug gearbeitet zu haben. Das zeigt sich beispielhaft daran, wie wir mit unserer To-do-Liste umgehen, mit dieser nie erledigten Wanderbaustelle, die trotz aller Anstrengung und Planung scheinbar nur ein Gesetz kennt: Es dauert alles länger als man glaubt, selbst wenn man das berücksichtigt.

Können wir uns zugestehen, zu entspannen, obwohl wir nicht das erledigt haben, was wir erledigen wollten? Hier eine kleine Achtsamkeitsübung dazu.

  • Nehmen Sie sich nach der offiziellen Arbeit ein paar Minuten Zeit. Atmen Sie bewusst einige Male ein und aus, bis Sie ruhiger werden. Und lassen Sie nun Ihren Arbeitstag Revue passieren.
  • Was haben Sie getan, was haben Sie erledigt und abgearbeitet? Vielleicht können Sie sich etwas Zufriedenheit oder sogar Stolz über das Erledigte zugestehen. Anerkennen und wertschätzen Sie sich auch für kleine und nicht perfekte „Häkchen“ auf Ihrer To-do-Liste. Seien Sie dabei nicht kleinlich.
  • Denken Sie nun an das, was Sie nicht erledigen konnten, weil Wichtiges dazwischen gekommen ist. Machen Sie sich bewusst, dass Sie daran keine Schuld haben. Unvorhergesehenes gehört zum (Arbeits-) Leben dazu.
  • Denken Sie nun daran, was Sie nicht erledigt haben, weil Sie es vermieden oder sich davor gedrückt haben. Versuchen Sie, sich das zu verzeihen, so gut es im Moment geht. Vielleicht hilft es Ihnen, freundlicher und verständnisvoller mit sich umzugehen, wenn Sie sich bewusst machen, dass hinter Vermeidungen oft Angst oder Scham und nicht Faulheit oder Bequemlichkeit stehen.
  • Machen Sie sich zum Schluss klar, dass Sie Ihre To-do-Liste am nächsten Tag besser und schneller abarbeiten, wenn Sie leistungsfähig sind. Und für Ihre Leistungsfähigkeit gilt: Sie braucht mehr Entspannung und Regeneration als Sie glauben, selbst wenn Sie das berücksichtigen.

Ich wünsche Ihnen erholsame Feierabende.

 

Verwandte Achtsamkeitsimpulse: