Neugier statt Überfahren


Wer Verantwortung für Personen, Projekte oder Prozesse hat, ist nicht immer erfreut über neue Ideen, vor allem wenn sie nicht in den Kram passen. Der „Kram“ hat natürlich andere Namen: Planung, Zusatzaufwand, Ressourcenengpass, Zeitdruck usw. Manchmal sind das tatsächlich ernst zu nehmende Argumente, manchmal sind sie aber nur Fassadenornamente von Bequemlichkeit, Mutlosigkeit oder Demotivation.

Egal wie wirklich oder vorgeschoben die Argumente sind, neue Ideen werden gerne überfahren, ohne Anhörung, ohne ihr Potenzial zu kennen und vor allem ohne Rücksicht darauf, wieviel Herzblut dabei vergossen werden kann. Das haben Sie sicher selbst schon erlebt: Eine Idee von Ihnen, ein Herzensanliegen, Ihr „Baby“ ist blicklos, ohne Wimpernzucken abserviert worden. Was hat das bei Ihnen ausgelöst? Begeisterung und Einsatzbereitschaft können kaum schneller in Lustlosigkeit und Demotivation umschlagen.

Und wie gehen wir mit unseren eigenen neuen Ideen um? Haben sie eine Chance, gesehen zu werden oder sogar zu überleben im Hagelsturm unserer durch Gewohnheit geschärften Vorverurteilungen: Das geht nicht! Das bringt nichts! Das ist peinlich! Probier‘s erst gar nicht!

Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich ist nicht jede Idee umsetzungswürdig. Doch das ist viel besser zu sehen und zu akzeptieren, wenn unsere erste Reaktion nicht Zweifel und Zusatzaufwände, sondern Neugier und Nachfragen ist. Wir können immer noch nein sagen, nachdem wir interessiert zugehört haben. Dann können wir auch klarer erkennen, ob wir Blumen oder Unkraut vor uns haben.

Hier eine Achtsamkeitsübung zur Stärkung unserer Neugier.

  • Entschließen Sie sich, beim nächsten Gespräch mit jemand darauf zu achten, ob das, was Ihr Gegenüber sagt, Ablehnung, Widerstand oder Ärger auslöst. Das ist schwieriger als es klingt, da das Gesagte oft viele unterschiedliche Gedanken und Gefühle auslöst. Ein Hinweis für Widerstand und Ablehnung kann es sein, wenn Sie den Impuls bemerken, zu unterbrechen.
  • Versuchen Sie, dem Impuls zu unterbrechen und zu widersprechen nicht zu folgen. Tiefe Atemzüge helfen, solche Impulswellen auszusitzen bis sie verebben.
  • Wenden Sie sich bewusst dem zu, was den Impuls ausgelöst hat. Interessieren Sie sich dafür, was das Gegenüber eigentlich sagt und meint. Stellen Sie offene W-Fragen, um besser zu verstehen: was, wie, wer, wo, wann? Wenn Sie glauben, schon verstanden zu haben, prüfen Sie ihr Verständnis mit Nachfragen. Vielleicht machen Sie eine Wette mit sich, wie viele ihrer Vermutungen tatsächlich zutreffen.
  • Neugier für Ihr Gegenüber zu entwickeln, wird umso besser funktionieren, je mehr Sie das Gesagte nicht persönlich nehmen, nicht auf sich, auf Ihre Arbeit, Ihre Verpflichtungen oder Ihre Absichten beziehen. Vielleicht hilft Ihnen dabei der Gedanke, dass Sie Ihrer Verantwortung z. B. für gute Zahlen oder Ergebnisse, für eine kurze Zeit „Urlaub“ geben können, ohne dass irgendetwas „anbrennt“.
  • Beenden Sie die „interne“ Übung, wenn Sie glauben, dass Sie genug gefragt und zugehört haben. Wechseln Sie innerlich wieder die Rolle vom „Zuhörer“ zum „Entscheider“ und folgen sie einfach Ihren Gesprächsimpulsen wie vor der Übung.
  • Machen Sie nach dem Gespräch einen Check: Wie hat sich durch die Übung Ihr Widerstand gegen die Idee, Ihr eigenes Gesprächsverhalten, die Gesprächsatmosphäre und das Verhalten Ihres Gegenübers verändert?

Übrigens können Sie diese Übung auch mit sich selbst machen, wenn Sie bemerken, dass Sie gerade dabei sind, eigene Ideen achtlos zu „überfahren“.

Ich wünsche Ihnen viele unerwartete Blumen auf Ihrem Weg.

 

 

Verwandte Achtsamkeitsimpulse: