Überraschungen


Möchten Sie noch überrascht werden? Jedenfalls tun wir viel dagegen. Ein großer Teil unseres Lebens ist reglementiert und davon geprägt, Unvorhergesehenes auszuschließen, Kontrolle zu haben und Zukunft, Klima, Kollegen oder Kinder in den Griff zu kriegen.

Dafür verlassen wir alle schnell mal den Boden der Realität, leichtfertiger und unvermeidlicher als wir glauben. Wir sehen, hören und fühlen das, was wir erwarten zu sehen, zu hören und zu fühlen und bestätigen unsere Befürchtungen und Hoffnungen, auch wenn sie falsch sind. Wir alle haben eine Schwäche für Meinungsblasen. Sobald wir zu wissen glauben, wie der Hase läuft, schauen wir kaum noch hin, egal ob es um’s große Ganze geht, die Pandemie, den Klimawandel oder um’s alltäglich Kleine, die kollegialen oder ehelichen Streitereien etwa, die so oft auf routinierten, aber falschen Unterstellungen beruhen. Gewohnheit betäubt die Neugier, benebelt die Sinne und filtert Widersprüchliches aus dem Denken. So ticken wir eben. Gott sei Dank. Denn ohne die lebenslange Gewohnheitsbildung im Wahrnehmen, Denken und Handeln wären wir abends noch bei der Morgentoilette und wohl nicht lebensfähig.

Solange unsere Gewohnheiten, Meinungen und Erwartungen, auf das, was tatsächlich wirkt, einigermaßen abgestimmt sind, sind sie nützlich und förderlich. Wenn nicht, können sie sehr schädlich sein, wie zum Beispiel die Idee, einen Virus durch Ignoranz aus der Welt schaffen zu wollen. Doch sind die Dinge für uns selbst nicht so offensichtlich. Ob unsere Meinungen und Erwartungen im Einzelfall, um den es im Hier und Jetzt immer geht, begründet sind, ist eher unklar. Und solange es keinen triftigen Grund zur Klärung gibt, bleibt das so.

Einen Anlass, genauer hinzuschauen, sind Überraschungen. Sie sind wie ein Loch in unserem Gewohnheitskokon, durch das wir ein Stück Realität sehen können und nicht nur Spiegelungen unserer Meinungen und Ab- und Zuneigungen. Es kann erhellend sein, Überraschungen Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken. Hier eine kleine Übung dazu.  

  • Halten Sie inne, wenn Ihnen etwas Überraschendes oder Unerwartetes passiert. Machen Sie sich bewusst, dass etwas Unvorhergesehenes, Ungeplantes, Unerwartetes passiert ist. Wenn es in der gegebenen Situation, z. B. während eines Gesprächs, nicht möglich ist, innezuhalten, nehmen Sie sich die Zeit, sich im Nachhinein noch einmal der Überraschung zuzuwenden, wenn es besser passt.
  • Welche Gefühle löst das überraschende Ereignis aus? Ist es eher eine angenehme Überraschung, z. B. eine wider Erwarten ergebnisreiche Besprechung oder eher ein unangenehmes, vielleicht enttäuschendes Ereignis, z. B. die kurzfristige Absage eines Treffens, auf das Sie sich gefreut haben.
  • Erlauben Sie sich, die Gefühle genauso zu haben, wie sie sich zeigen, ohne an ihnen etwas verändern zu müssen. Freuen Sie sich, wenn es ein freudiges Ereignis ist und trauern Sie, wenn sie enttäuscht sind. Gehen Sie so fürsorglich und mitfühlend mit sich um, wie es Ihnen möglich ist.
  • Stellen Sie sich dann folgende oder ähnliche Fragen: Was macht das Ereignis so überraschend? Welche Vorstellungen, Annahmen, Erwartungen, Befürchtungen, Hoffnungen habe ich gehabt? Machen Sie sich nur bewusst, dass Sie in diesem Fall nicht zugetroffen haben. Sie brauchen nichts zu verändern oder sich etwas vorzunehmen für die Zukunft. Es reicht, die Überraschung, einfach dadurch zu würdigen, dass Sie sich ihrer bewusst werden, sowohl ihrer Erwartungen, Wünsche oder Befürchtungen als auch der davon abweichenden Realität. Allein die Beachtung der Überraschung wirkt.

Unser Leben ist größer, tiefer, weiter und schöner als unsere Vorstellung von ihm. Deshalb lassen Sie sich überraschen.

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