Vom Kopf in die Füße


Lang ist’s her und viele Schritte später, haben wir vergessen, wie herausfordernd, interessant, lohnend, befriedigend und beglückend das Laufen für uns war. Laufen lernen war für uns wie die Erfindung des Rades für die Menschheit: ein Riesenschritt.

Doch der Glanz der Errungenschaft verblasst. Für uns ist Gehen eine Selbstverständlichkeit, die weder Aufmerksamkeit fordert, noch Interesse weckt. (Vielleicht nutzen wir deshalb so gerne Inhouse-ÖPNV-Angebote wie Lifte oder Rolltreppen.) Heute haben sich Interesse und Aufmerksamkeit nach oben in den Kopf verlagert: Denken, Besorgen, Planen, Grübeln und an einer besseren Zukunft bauen, beschäftigen uns den größten Teil des Tages. Alles gut, solange sich das Leben im Kopf nicht verselbständigt, vom Rumpf abkoppelt, unkontrollierbare Gedankenstrudel unsere Stimmung nach unten ziehen oder irrationale Kopfgeburten Depressionen auslösen. Allzu oft bemerken wir dann, dass sich das Gedankenkarussell auch durch weitere Gedanken nicht abbremsen lässt.

Bremsen können wir besser, wenn wir Interesse und Aufmerksamkeit wieder vom Kopf in die Füße lenken – wie damals. Immerhin sind die Füße am weitesten vom Kopf entfernt und der Erdung am nächsten. Wer sich also von seinen Gedanken erholen und im besten Sinne des Wortes herunterkommen möchte, kann sich ja mal bewusst die Beine vertreten, z. B. beim nächsten Gang zu Kaffeeautomat, Kantine oder Klo. Hier eine Übung, die auch wieder den Zauber und das Wunder des aufrechten Ganges erlebbar machen kann.

  • Entschließen Sie sich, den nächsten Gang vom oder zum Arbeitsplatz bewusst zu gehen. Der bewusste Entschluss und die feste Absicht sind wichtig, da wir uns so leicht von unseren Gedanken-Sirenen betören lassen. Ihre Verführung lautet: „Achte auf uns, wir sind wahr und wichtig!“ (… was oft genug einfach falsch ist).
  • Stehen Sie ein paar Augenblicke, bevor sie losgehen. Spüren Sie, wie Ihr Körpergewicht ihre Sohlen auf den Boden drückt, so gut Ihnen das im Moment möglich ist. Bleiben Sie locker und versuchen Sie nicht, noch mehr von Ihren Sohlen zu spüren, als Sie im Moment spüren. Was Sie wahrnehmen ist völlig ok und genug.
  • Wenn Sie losgehen, können Sie auf alles achten, was sich in Ihren Füßen beim Gehen abspielt, z. B. die Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das andere, das Hochheben, Vorwärtsschieben und Aufsetzen eines Fußes, die Muskelbewegungen in den Füße, um die Balance zu halten, die Veränderung des Drucks auf Zehen, Fußballen und Ferse.
  • Gerade wenn Sie erregt sind, werden sich Ihre Gedanken nicht automatisch beruhigen. Oft bleiben sie auch beim Gehen laut und aufdringlich und bannen Ihre Aufmerksamkeit. Das ist völlig normal und kein Grund, an der Übung oder schlimmer noch, an sich selbst zu zweifeln. Bleiben Sie so geduldig, freundlich und beharrlich, wie es Ihnen möglich ist. Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit einfach immer wieder zu den Füßen, sobald Sie bemerken, dass die Aufmerksamkeit wieder in den Kopf gestiegen ist. Die Übung besteht nicht darin, möglichst lange mit der Aufmerksamkeit bei den Füßen zu bleiben, sondern ohne Ambitionen und Selbstkritik immer wieder neu die Füße zu spüren und sich für das Gehen zu interessieren.
  • Achtsames Gehen ist kein slow motion contest. Experimentieren Sie mit Ihrem Gehtempo. Gehen Sie so schnell oder so langsam, wie es für Sie am besten ist, um auf Ihre Füße zu achten (und vielleicht am wenigsten Aufmerksamkeit zu erregen).
  • Wenn Sie dort angekommen sind, wo Sie hingehen wollten, machen Sie einen Check und fragen Sie sich: Wie geht es mir jetzt? Was hat sich verändert? Vielleicht motiviert Sie die Antwort, die Übung zu wiederholen. Übrigens zum achtsamen Gehen ist kein Weg zu kurz und üben können Sie auch in der Freizeit.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß, wenn Sie sich einfach mal gehen lassen.

 

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