Bewertungsantrieb auskuppeln


Achtsamkeit greift tief in unser inneres Funktionieren ein, das man sich wie einen komplexen Motor vorstellen kann, dessen zentrales Antriebselement ein Bewertungsmechanismus ist, mit dem wir automatisch ziemlich pausenlos alles beurteilen, was im Moment passiert: Gibt es angenehmes, sind wir motiviert, etwas zu tun, was das Angenehme andauern lässt. Unangenehmes veranlasst uns, es möglichst schnell zum Verschwinden zu bringen.

Dieser Mechanismus funktioniert genauso, wenn wir das Unangenehme oder Angenehme nur in Zukunft erwarten. Diese Phantasien zukünftiger Chancen und Risiken erlauben uns, schon jetzt etwas dafür zu tun, Angenehmes herbeizuführen und Unangenehmes zu verhindern. Ohne diesen Mechanismus könnten wir weder Ziele verfolgen noch eine effiziente und effektive Bedürfnisbefriedigung und Gefahrenabwehr für unser Leben betreiben. Er ist so lebenswichtig, wie Atmen. Deshalb läuft er auch automatisch und mühelos ab. Wir müssen uns nicht anstrengen, um uns Sorgen zu machen.

Der Bewertungsmechanismus hat allerdings auch Nachteile, die sich in Zeiten rasender Veränderungen und ungeheurer Informationsdichte – viele Infos sind „Sorgentrigger“ – stärker auswirken.1) Von der ungeheuren Vielfalt der Gegenwart nehmen wir vor allem das wahr, was wir erwarten. Oft nur ein negativer Ausschnitt. 2) Wir neigen dazu, Zukunftsphantasien oder -simulationen, die immer nur auf vergangenen Erfahrungen und Daten beruhen, ohne Vorbehalt zu glauben. 3) Der Mechanismus nährt das Ungenügen an der Gegenwart, da wir noch nicht dort sind, wo wir eigentlich gerne wären. Glück und Zufriedenheit erleben wir eher, wenn der Bewertungsantrieb ausgekuppelt ist und wir in dem aufgehen, was wir gerade tun, z. B.im Flow oder bei gutem Sex.

Hier kommt Achtsamkeit ins Spiel: Achtsamkeit ist gewissermaßen das absichtliche Auskuppeln des Bewertungsmechanismus mit entsprechenden Auswirkungen: unvoreingenommenere und differenziertere Wahrnehmung der Gegenwart und damit eine angemessenere Grundlage für sinnvolles Handeln, neue Ideen und Perspektiven, Relativierung von Katastrophenphantasien sowie die Förderung der Zufriedenheit. Gute Gründe, das Auskuppeln des Bewertungsantriebs auszuprobieren. Hier eine Übung dazu.

  • Der erste Schritt ist, dass Ihnen bewusst wird, dass Sie etwas beurteilen oder bewerten: ein Ereignis, eine Situation, Ihre Arbeit, sich selbst oder andere. Das tun wir zwar dauernd, aber es ist etwas Besonderes, wenn uns das bewusst wird, z. B. wenn wir bemerken, dass wir etwas anders haben möchten, wie es gerade ist, was oft gepaart ist mit Ärger, Befürchtungen, Handlungsimpulsen oder Hader. Wenn es die Situation erlaubt, halten Sie inne und atmen Sie in paar Mal bewusst.
  • Erforschen Sie nun Ihre Bewertung mit den entsprechenden Gedanken, Gefühlen und Impulsen. Nehmen Sie sie so gelassen wie möglich zur Kenntnis, als nüchterne Tatsache, als Teil einer Ist-Analyse. Vielleicht hilft Ihnen ein kleiner Trick: Betrachten Sie sich aus der Perspektive eines anderen, eines gänzlich Unbeteiligten, der Ihre Interessen, Bedürfnissen und Emotionen zwar wahr, aber nicht persönlich nimmt.
  • Betrachten Sie dann das, was ihre Bewertung ausgelöst hat, ebenso unvoreingenommen. Vielleicht schauen Sie sich das Ereignis, die Situation usw. wieder aus der Perspektive eines unbeteiligten Beobachters an. Was könnte er anders oder mehr wahrnehmen. Was könnte er anders denken? Wie könnte er von der Situation anders berührt sein und anders auf sie reagieren?
  • Nehmen sie die Übung spielerisch. Bleiben Sie locker. Gestehen Sie sich zu, dass es Ihnen nicht oder nicht gut gelingt, von Ihren Interessen und Bedürfnissen abzusehen. Je intensiver die Gefühle sind, die durch unsere Bewertungen ausgelöst werden, umso herausfordernder ist die Übung. Würdigen Sie es, es probiert zu haben.

Ich wünsche Ihnen erhellende Leerläufe.

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