Die Komfortzone verlassen


Wir alle haben eine Komfortzone, in der wir uns sicher fühlen. Das heißt nicht, dass wir dort auch glücklich sind. In der Komfortzone schützen wir uns zwar mit bewährten Strategien vor unangenehmen Erfahrungen, aber blockieren mit den gleichen Strategien unsere Weiterentwicklung. Niemand weiß, was er kann, bis er es probiert hat (P. Syrus) und ohne Probieren zementieren wir Unzufriedenheit und Unerfülltheit in unserem Leben.

An der Grenze der Komfortzone, wenn unser Stressmechanismus alarmiert ist, reicht ein Wort, um uns zum Schweigen zu bringen, keine Wünsche mehr zur äußern, uns innerlich zurückzuziehen, abzulenken und das Gespräch über das Eigentliche zu vermeiden. Und oft stellt sich im Nachhinein heraus, wie grundlos unsere Reaktion war. So oder so ähnlich funktionieren viele verpassten Alltagschancen. In anderen Situationen helfen Vorwürfe, Anschuldigungen, Klagen und Hadern, uns vor Anstrengendem zu bewahren, Verantwortung zu übernehmen, Unangenehmes zu tragen oder Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Solche Strategien kennen wir alle. Glücklicherweise. Denn wir brauchen sie, wenn wir erschöpft sind oder eine Annäherung an das Unangenehme zu weh täte. Aber sind wir immer zu schwach, uns mit den kleinen und großen Katastrophen unseres Lebens auseinanderzusetzen? Tut es immer zu weh? Meistens wissen wir es gar nicht, weil unsere Komfortzonenstrategien ihren Schutzdienst verrichten und dabei noch von Bequemlichkeit unterstützt werden. Aber Komfort kostet. Wir bezahlen ihn mit Stillstand und Ohnmacht.

Ist uns dieser Preis zu hoch, müssen wir zwischen angemessenem und übertriebenem Schutz unterscheiden. Das können wir nur, wenn wir die Abwehr gegen das Unangenehme aufgeben und uns im Gegenteil ihm zuwenden. Am besten achtsam. Also neugierig, ergebnisoffen, ohne Anspruch, wohlwollend und mitfühlend. Hier eine Übung dazu.

  • Jedes Ereignis, das für Sie unangenehme Folgen hat, kann ein Anlass für die Übung sein. Das Unangenehme erkennen Sie an Ihren, durch das Ereignis ausgelösten Gedanken, Befürchtungen, Gefühlen sowie Ihren Widerstand z. B. in Form von Ärger, Wut, Aggression, Widerwillen oder an Fluchttendenzen, z. B. dem plötzlichen Bedürfnis nach dem Smartphone, Essen, Zigaretten, Alkohol, Schlafen oder Urlaub.
  • Wenn Sie weder die Zeit noch den Raum haben, um die Übung direkt im Anschluss an das Ereignis zu machen, verschieben Sie sie einfach auf einen späteren Zeitpunkt. Das tut ihr keinen Abbruch.
  • Wenden Sie sich nun dem Unangenehmen zu. Was genau ist das Unangenehme? Erforschen Sie die Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken, ohne etwas an ihnen zu ändern. Akzeptieren Sie das Unangenehme einschließlich all Ihrer Reaktionen als Teil Ihrer gegenwärtigen Realität, so gut Sie es jetzt gerade können.
  • Achten Sie darauf, was sich verändert, wenn es Ihnen gelingt, den Kampf gegen das Unangenehme aufzugeben? Der Erlös für Ihren Mut sind fast immer neue Perspektiven, Wege, Ideen oder Handlungsimpulse, vielleicht sogar die Erkenntnis, dass der ganze Schlamassel weniger schlimm ist und sogar Chancen birgt. Ich bin sicher, Sie haben das auch schon selbst erlebt, vielleicht nur (zu) wenig beachtet.
  • Erlauben Sie sich jederzeit, die Annäherung an das Unangenehme zu unterbrechen, wieder auf Abstand zu gehen, sich abzulenken und sich auf etwas anderes zu konzentrieren, wenn das Unangenehme zu viel, zu schmerzhaft oder zu leidvoll wird. Und bleiben Sie freundlich und mitfühlend mit sich, wenn es Ihnen nicht gelingt, das Unangenehme zu akzeptieren. Manchmal braucht Akzeptanz eine lange Reifezeit.

Ich wünsche Ihnen Mut für erkenntnisreiche Gehversuche außerhalb der Komfortzone.

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