Gesichtserkennung


Was sehen Sie in diesem Gesicht? Was geht wohl in diesem Menschen vor? Was zeigt der Gesichtsausdruck? Skepsis, Zweifel, Irritation, Unverständnis, Abwehr, Kritik, die Suche nach einer Antwort …? Auch wenn wir es nicht wissen, reagieren wir auf das Gesicht.

Es gehört zu unserer biologischen Grundausstattung, dass wir von Gesichtsausdrücken auf die Befindlichkeit von anderen, ihre Meinungen, Absichten oder ihre Wünsche und Ansprüche an uns schließen. Oft zutreffend, aber nicht immer. Ein Grund für falsche Deutungen ist, dass wir nicht genau hinschauen, was wir im Alltag meistens nicht tun. Wir nehmen uns kaum Zeit, den vielen Gesichtern, die uns täglich begegnen, wirklich Aufmerksamkeit zu schenken. Zu viele Gesichter, zu viele Situationen, zu viele Forderungen, zu viele eigene Absichten. Und wie immer, wenn es schnell gehen muss, mehren sich Fehler, Missverständnisse, Reibungsverluste und Konflikte.

Das Folgenreichste ist aber, dass wir unsere Differenzierungskompetenz beim Gesichter lesen verlernen. Und die brauchen wir, vor allem, wenn’s wichtig wird, z. B. in Verhandlungen, beim Gebrauchtwagenkauf oder bei Einstellungs- oder Konfliktgesprächen. Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit zeigen sich oft genauso im Gesicht wie Feindschaft und Unehrlichkeit und sei es nur in der Diskrepanz zwischen Wort, Gestik und Mimik. Grund genug, das Lesen von Gesichtern als ein Element unserer vielschichtigen Kommunikation zu üben. Hier eine Achtsamkeitsübung, in der Sie das Gesichter-Lesen ohne Reaktionsdruck trainieren können, wenn wir sozusagen im Leerlauf sind.

  • Als Übungsfeld eignen sich alle Situationen, in denen Sie auf diejenigen, die Sie beobachten, nicht reagieren müssen und in denen es Ihnen leichtfällt, die Gesichtsausdrücke nicht persönlich zu nehmen, z. B. im öffentlichen Personenverkehr, in Gasthäusern, beim Warten an Kassen oder Bahnhöfen oder auch in überflüssigen Besprechungen. Die soll es ja geben.
  • Wählen Sie jemand aus, dessen Gesichtsausdruck und seine Veränderungen Sie erforschen möchten. Konzentrieren Sie sich auf die Augen- und die Mundpartie. Sie zeigen am meisten, was gerade bei jemand innerlich passiert.
  • Seien Sie dabei respektvoll. Starren Sie nicht. Lächeln Sie, wenn Ihr Blick bemerkt wird. Viele Menschen freuen sich, wenn Sie gesehen werden, solange sie das nicht als Beurteilen, Abschätzen und Vergleichen einstufen.
  • Genau das zu unterlassen, nämlich alle Bewertungen, ist ein wichtiger Aspekt der Übung. Wenn Sie merken, dass Sie das Gesicht oder den Gesichtsausdruck bewerten, z. B. schön, hässlich, gut, schlecht usw., lassen Sie die Bewertung los und lenken Sie die Aufmerksamkeit einfach wieder auf die Gesichtswahrnehmung. Interessieren Sie sich für das momentane Leben hinter dem Gesichtsausdruck.
  • Vielleicht helfen Ihnen solche Fragen, um Ihr Interesse zu kanalisieren: Welche Stimmung, welches Befinden, welches Gefühl oder welche Gefühlsmischung drückt das Gesicht im Moment aus? Zeigt es Interesse, Langeweile, Zustimmung, Abneigung, Freude, Spaß, Ärger, Widerstand, Trotz, Stolz, innere Abwesenheit usw. Wie verändert sich der Gesichtsausdruck? Gibt es Anlässe für die Veränderung?
  • Lassen Sie sich von dem ansprechen, was Sie sehen. Was lösen die Gesichtsausdrücke bei Ihnen aus? Zu- oder Abneigung, Verständnis, Mitgefühl oder Abwehr. Vielleicht bemerken Sie Muster, auf welche Gesichtsausdrücke Sie auf welche Art und Weise reagieren. Seien Sie neugierig.

Ich wünsche Ihnen eine aufschlussreiche Gesichtserkennung.

Verwandte Achtsamkeitsimpulse: