Mücken sind keine Elefanten


Nicht immer die großen, viel öfter die kleinen Widrigkeiten vermiesen uns den Alltag: der verpasste Anschlusszug, die rote Welle, gerade wenn’s schnell gehen soll, das vor der Nase weggeschnappte letzte Exemplar, der Vorwurf, die Spülmaschine wieder mal falsch eingeräumt zu haben, die Absage kurz vor dem Essen usw. Ich vermute, Sie können die Liste problemlos mit Ihren kleinen Widrigkeiten der letzten Tage ergänzen.

Sie sind wie Mückenstiche. Sie sind zwar klein und jucken etwas, tun aber nicht richtig weh und gehen vorbei ohne Folgen. Sie schaffen es aber doch, unsern Adrenalinpegel zu pushen, uns zu ärgern und übertriebene Reaktionen zu provozieren. Dummerweise haben wir, wie ein Klavier, viele Tasten, im Fachjargon Triggerpunkte, die nur leicht berührt werden müssen, um bei uns heftige, teilweise lautstarke, „allergische“ Reaktionen hervorzurufen. Und genau genommen machen erst diese Reaktionen aus Mücken Elefanten, die dann auf der guten Stimmung rumtrampeln oder Beziehungskrach verursachen.

Um das Jucken erträglich zu halten, hilft es bei den richtigen Mückenstichen, sie möglichst wenig zu beachten, sich nicht über sie zu ärgern und sich nicht auch noch ausgiebig zu kratzen. Das erfordert manchmal etwas Disziplin. Aber sie lohnt sich. Auch bei den anderen „Mückenstichen“ ist das eine gute Strategie. Denn je weniger Aufmerksamkeit sie bekommen, umso weniger belasten Sie Stimmung und Beziehung. Tatsächlich sind sie es meistens nicht wert, sich überhaupt aufzuregen. Wie schlimm ist es wirklich, etwas zu spät zu kommen, nicht sofort das Ersehnte zu bekommen, Vorwürfe einfach mal stehenzulassen oder zu viel Essen gekocht zu haben.

Deshalb hier eine kleine Übung, die Ihnen helfen kann, aus dem Jucken von Mückenstichen kein Trampeln von Elefanten zu machen.

  • Sich am Morgen vornehmen, auf die kleinen Widrigkeiten des Alltags und die automatischen Handlungsimpulse zu achten und möglichst bewusst mitzukriegen.
  • Die automatischen Reaktionen durch ein paar tiefe Atemzüge unterbrechen.
  • Sich bewusst machen, dass der Anlass einen emotionalen Aufwand nicht rechtfertigt und sich einen Satz überlegen, der das zum Ausdruck bringt, z.B.: „kein Grund sich aufzuregen“, „alles kein Drama“ oder „das ist eine Mücke, kein Elefant“.
  • Die Widrigkeit sein lassen, wie sie ist. Das bedeutet nicht, dass sie nicht mehr juckt, sondern nur, dass Sie es aufgeben, gegen das Jucken zu kämpfen und es akzeptieren, dass es jetzt etwas wehtut und dass Sie das aushalten.
  • Wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit so gut es geht, anderen Dingen zu.
  • Wenn es Ihnen gelingt, den Eskalationsautomatismus zu unterbrechen, machen Sie sich das bewusst und auch, was Sie dadurch gewonnen haben. Etwas Besseres gibt es nicht, um die Wahrscheinlichkeit zu steigern, dass Ihnen auch bei der nächsten Gelegenheit ein solcher Selbstmanagementerfolg gelingt.
  • Wenn dieses Loslassen nicht funktioniert, nehmen Sie es nicht tragisch. Sie werden in Zukunft (leider) genug Anlässe zum Üben haben. Und sicher ist es kein Grund, sich zu verurteilen, sondern eine Gelegenheit, sich zu fragen, was eigentlich dahintersteht, dass Sie trotz des harmlosen Anlasses so stark reagieren. Meistens wissen wir das nicht. Es steht aber immer etwas dahinter, was uns wichtig ist, was wir schützen, behalten oder erreichen möchten.

Ich wünsche Ihnen einen gelassenen Umgang mit allen Mücken dieser Welt.

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