Nicht alles glauben, was man denkt


Gedanken können befreien, neue Sichten eröffnen, grandiose Planungen ermöglichen und uns vor großen Dummheiten bewahren. Evolutionstechnisch sind sie eine erstaunliche Errungenschaft. Erlauben sie uns doch im „Oberstübchen“, gewissermaßen am gegenwärtigen Wahrnehmungsinput vorbei, zukünftige „Möhren“ und „Morde“ zu phantasieren und jetzt schon etwas dafür zu tun, um die Möhren zu bekommen und die Morde zu vermeiden. Das funktioniert aber nur, wenn wir unseren Gedanken auch glauben und sie in den Stand von Wirklichkeiten erheben. Damit Denken biologisch überhaupt Sinn macht, hat uns die Natur ein großes Vertrauen in unsere Gedanken in die Wiege gelegt.

Das ist völlig ok, solange die Gedanken einigermaßen zutreffend sind. Aber das sind sie weitaus seltener, als wir glauben. Vieles, was wir denken, ist einfach falsch oder halbgar. Unsere Vorurteile sind meist lausig begründet. Sorgen und Zukunftsphantasien erweisen sich im Rückblick als Irrtum. Unsere Narrative über uns, unsere Wirkung auf andere, wie wir unsern Job machen oder zu machen haben, was andere von uns denken und wie wir glauben, uns verhalten zu müssen, gründen mehr auf gespeicherten Erinnerungen als auf gegenwärtiger Realität. Gedanken können auch ohne Realitätsbezug einengen, gängeln, belasten, behindern und quälen, obwohl sie eigentlich nur „mentale Ereignisse“ in unserem Kopf sind. Wer hat das Wetter nicht schon persönlich genommen, seinem überzogenen Perfektionismus ein Stück Leben geopfert, seine falschen Entscheidungen verflucht oder sich von übertriebenen Sorgen die Stimmung vermiesen lassen.

Glücklicherweise hat uns die Natur mit einem Korrektiv versorgt: Wir können uns unserer Gedanken bewusstwerden, als würden wir mit einem Spiegel in unseren Kopf schauen. Erst wenn uns Gedanken bewusstwerden, können wir uns von Ihnen entkoppeln und sie überprüfen, bestätigen, relativieren, modifizieren und sogar aufgeben. Hier eine kleine Übung, wie Sie sich bewusst machen können, dass Gedanken keine Realität sind.

  • Wenn Ihnen auffällt, dass Sie sich über irgendetwas Sorgen machen und sich durch diese Sorgen gestresst und belastet fühlen, so sind diese Gedanken, meistens sind es ja Befürchtungen, eine gute Gelegenheit für diese Übung.
  • Beginnen Sie damit, dass Sie Ihre Befürchtung aus einem manchmal diffusen Nebel herauslösen, indem Sie sie auf den Begriff bringen und in einen Satz gießen, z. B. „Ich bekomme meine Arbeit nicht mehr hin“ oder „Ich werde mein Gesicht verlieren“. Bemerken Sie dann, welche Gefühlsqualität dieser Satz für Sie hat. Um weniger in die Gefühle hineingezogen zu werden, kann es helfen, sie auch nur zu benennen.
  • Nun ergänzen Sie den Satz mit dem Zusatz: „Ich habe den Gedanken, dass …“. Also „Ich habe den Gedanken, dass ich meine Arbeit nicht mehr hinbekomme, oder dass ich mein Gesicht verliere.“ Lassen Sie diesen Satz auf sich wirken. Vielleicht wiederholen Sie ihn mehrmals, um die Gefühlsqualität dieses Satzes zu spüren. Oft nimmt die gefühlte Ohnmacht ab und der Handlungsspielraum weitet sich.
  • Natürlich kann sich auch Widerstand regen, dass Sie mit dem ergänzten Satz, die Verantwortung für Ihre Sorgen gewissermaßen auf Ihre eigene Kappe nehmen. Gestehen Sie sich auch den Widerstand zu. Es gibt Gründe für ihn. Der Widerstand zeigt, wie groß der Unterschied zwischen den Sätzen ist und was für Sie auf dem Spiel steht. Oft braucht ein einfacher Satz Zeit, um über die mentalen Lippen zu kommen. Der Weg vom Klagen zum Handeln kann sehr weit sein.

Ich wünsche Ihnen befreiende Gedanken.

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