Stabilität in instabilen Zeiten


Ein Kleinstlebewesen führt uns unmissverständlich vor Augen, dass wir immer noch Teil der Natur sind und dass niemand eine Insel ist, egal ob arm oder reich, jung oder alt. Es lehrt uns Sicherheitsverwöhnten das Fürchten. Kitas, Kneipen und Knie-OP’s, die Selbstverständlichkeiten unseres Alltags abgesagt. Eingespielte, eng getaktete Abläufe zwischen Schule, Arbeit und Freizeit funktionieren nicht mehr. Die Wirtschaft trudelt, für viele existenzbedrohend. Niemand weiß, wie es weitergeht. Niemand hat einen belastbaren Erfahrungsvorsprung. Kein Wunder, dass wir mit Sorgen, Ängsten und Panik reagieren.

Angesichts dieser Situation scheint es vielleicht, als wollte ich mit Heftpflaster Beinbrüche kurieren, wenn ich Achtsamkeit als Heilmittel gegen Verzweiflung und Zukunftsängste empfehle. Doch Achtsamkeit ist tatsächlich ein guter Weg, um sich nicht von Katastrophenphantasien übermannen zu lassen und den kollektiven Tunnelblick zu weiten, den wir auch der pausenlosen Medienwucht verdanken. Achtsamkeit kann tatsächlich helfen, uns wieder etwas sicherer zu fühlen, ohne die weltweite Unsicherheit zu leugnen. Sie kann helfen, Zuversicht, Gelassenheit und Vernunft zu stärken, ohne die Dramatik der Geschehnisse klein zu machen. Achtsamkeit ist nämlich die Kunst und die Übung, die Gegenwart mit allen Merkmalen wahrzunehmen: das Schöne und das Hässliche, das Angenehme und das Unangenehme, das Erleichternde und das Belastende.

Und die Gegenwart ohne Shopping, Smalltalks und Spaßevents gibt uns viel Zeit, die Natur nicht nur als Krisenursache, sondern auch als Stabilitätsfaktor zu erleben. Wir atmen, wir hören, wir sehen, wir riechen, wir spüren. Gerade jetzt bietet uns der Frühling alles, um mit Hingabe genau das zu tun. Also folgen wir seiner Besuchseinladung mit allen Sinnen. Meistens kommen wir kräftiger, zuversichtlicher und gelassener wieder nach Hause zurück.

  • Gehen Sie in die Natur, alleine oder mit Ihren Kindern. Solange wir das Haus noch verlassen dürfen, können Sie das zu jeder Tageszeit tun, sogar nachts.
  • Lenken sie Ihre Aufmerksamkeit bewusst auf die sinnlichen Erfahrungen, die Ihnen die Natur bietet. Was Sehen Sie? Was hören Sie? Was spüren Sie auf der Haut? Was riechen Sie? Folgen Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit den sinnlichen Erfahrungen, die Ihnen von ganz alleine bewusst werden. Wenn Kinder dabei sind, stellen Sie ihnen die genannten Fragen. Lassen Sie ihnen Zeit zu erleben. Geben Sie Ihnen vielleicht Anregungen, was es wahrzunehmen gibt und geben Sie ihnen Gelegenheit, von ihren Erfahrungen und Entdeckungen zu erzählen.
  • Nutzen Sie einen bestimmten Sinneskanal als Anker in der Gegenwart, z. B. das Hören. Der Vorteil des Hörens ist, dass es fast immer etwas zu hören gibt. Sobald Ihnen bewusst wird, dass Sie sich in Gedanken verstrickt haben, können Sie die Aufmerksamkeit immer wieder auf die Geräuschkulisse richten.
  • Erlauben Sie sich, Ungewohntes zu tun und Neues zu erforschen. Berühren Sie Pflanzen, Bäume oder Steine. Hören Sie oder spüren Sie mit geschlossenen Augen. Achten sie auf mögliche Handlungsimpulse und geben Sie Ihnen nach, so gut das in der jeweiligen Situation geht. Kinder können Sie hierbei inspirieren. Sind Sie ohne Kinder unterwegs, fragen Sie sich, auf welche Ideen, Kinder kommen könnten.
  • Bleiben Sie locker und spielerisch. Setzen Sie sich nicht unter Druck, möglichst konzentriert zu sein, viel wahrzunehmen und wenig zu denken. Der Aufenthalt in der Natur schaltet weder unsere Gedanken noch unsere Sorgen ab. Wir können uns nur leichter von ihnen lösen. Denn die Natur bietet uns so viele Eindrücke, die uns helfen, unsere Aufmerksamkeit immer wieder neu auf die sinnlichen Erfahrungen zu lenken. Sehen, Hören, Riechen und Spüren kann nämlich viel Spaß machen, auch in schweren Zeiten und uns daran erinnern, dass wir immer noch leben.

Ich wünsche Ihnen die stabilisierende Erfahrung, Teil der Natur zu sein.

Verwandte Achtsamkeitsimpulse