Das Entscheidungsdrama


Etwa 95 % unserer täglichen Entscheidungen erreichen nicht unser Bewusstsein. Der Rest kann uns manchmal sehr quälen. Mindestens zwei Seelen wohnen dann in unserer Brust. Ein Beispiel aus dem Supermarkt: Kaufe ich die Mango aus Übersee? Eine banale Frage und im Handumdrehen tauchen Protagonisten auf der inneren Bühne auf und inszenieren ein vielstimmiges Drama: „Ja klar“, sagt der Schlemmer. „Das geht gar nicht“, sagt die Klimaaktivistin. „Ist viel zu teuer“, sagt der Sparfuchs. „Jetzt entscheid‘ Dich endlich, das ist doch ein total überflüssiger Disput bei so einer Lappalie“, sagt das Zeitmanagement. „Ich kann mir so viel Zeit lassen, wie ich brauche“, sagt die achtsamkeitsgeschulte Selbstfreundlichkeit. Meistens werden solche inneren Scharmützel dank des nächsten Termins und voller To-do-Listen schnell beendet. Aber wenn es um mehr geht als Mangos, können die Dramen lauter, heftiger, langwieriger und ermüdender sein.

Solange sie nicht endlos verlängert werden, sind sie wichtig und sinnvoll, bewahren sie uns doch vor allzu leichtfertigen Entscheidungen mit großem Reuepotential. Ihren Sinn verlieren sie aber, wenn wir sie vorschnell abkürzen, indem wir einzelne Protagonisten von der Bühne verbannen und ihre Meinung als blöd, moralinsauer, irrelevant oder imageschädigend entwerten. Das führt dann zu halbherzigen Entscheidungen, bei denen sich die Verbannten oder Überhörten mit Demotivation, Energielosigkeit und Selbstvorwürfen rächen.

Wir sind also gut beraten, jede Stimme, jeden Teil in uns, ernst zu nehmen und uns auch mit den Stimmen auseinanderzusetzen, die uns nicht gefallen. Dann haben wir die Chance, ihre Botschaft zu verstehen und Kompromisse und Bedingungen zu finden, die die Entscheidung für alle unsere Teile annehmbar machen. Hier eine Achtsamkeitsübung dazu.

  • Nehmen Sie eine anstehende Entscheidung, die ihnen schwerfällt, egal ob sie groß oder klein ist, als Anlass für diese Übung.
  • Nehmen Sie innerlich eine Haltung zu sich selbst ein, so gut das geht, die interessiert und trotzdem distanziert ist, so wie sich ein Theaterbesucher ein Schauspiel auf der Bühne ansieht: entspannt, neugierig und weitgehend absichtslos. Bei Ihrem Theaterbesuch bei sich selbst geht es nur darum, das Schauspiel, dass da gerade geboten wird, auf sich wirken zu lassen und es besser zu verstehen, indem Sie die Protagonisten und ihre vielleicht verborgenen Interessen kennenlernen. Es geht nicht darum, schnell eine Entscheidung herbeizuführen oder Für- und Wider-Argumente zu sammeln oder gezielt nach Lösungen zu suchen. Um besser in diese Haltung zu finden, erinnern Sie sich vielleicht an ihren letzten Theater- oder Kinobesuch.
  • Denken Sie nun an die anstehende Entscheidung und warten Sie bis sich von ganz alleine die verschiedenen Stimmen, Sätze, Bewertungen, Meinungen, Handlungsaufforderungen usw. melden. Am besten, Sie schreiben alles einfach auf, was Ihnen einfällt, möglichst ohne es zu be- oder verurteilen.
  • Identifizieren Sie dann die einzelnen Protagonisten und geben Sie ihnen vielleicht auch lustige Namen wie oben in meinem Mango-Beispiel. Dadurch wahren Sie Distanz zu den Protagonisten, begreifen ihre Interessen besser. Das ist die Grundlage, sie auch mehr zu respektieren, wenn Sie erkennen, dass diese Interessensprotagonisten Ihr momentanes Bedürfnis- und Wertegemenge widerspiegeln, was ja nur selten klar und eindeutig ist.
  • Lassen Sie dann wie nach einem Theaterbesuch, das Schauspiel einfach auf sich wirken. Je mehr es Ihnen gelungen ist, allen Protagonisten des Stücks Auftrittsrecht zu geben und ihnen zuzuhören, desto eher können Sie darauf vertrauen, dass Sie den Reifeprozess ihrer Entscheidung gefördert haben.

Ich wünsche Ihnen lehrreiche Theaterbesuche bei sich selbst.

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