Meinungen mit Herz begegnen


Unser Zusammenleben ist von Meinungsverschiedenheiten, Interessenskonflikten und Streit geprägt, im Globalen wie bei der Arbeit, im Familienleben genauso wie zwischen den Stimmen in uns selbst. Das Leben mit Meinungsverschiedenheiten ist alles andere als einfach und der Umgang mit ihnen alles andere als egal. Denn es steht etwas auf dem Spiel. Ein Beispiel: Wie stehen Sie dazu, wenn Klimaaktivisten fordern, dass wir angesichts der ungebremsten Erderwärmung auch unser individuelles Denken und Handeln im Alltag radikal verändern müssen: den Kauf neuer Kleider einschränken, auf Fleischprodukte und Urlaubsflüge verzichten, auf E-Bike, ÖPNV und Carsharing umsteigen usw. Wie gehen Sie mit solchen Forderungen um, wenn Sie ganz anders leben? Ignorieren, abwiegeln, Verständnis heucheln, dagegen argumentieren, abwerten, aggressiv werden oder ihre Berechtigung akzeptieren – und dann doch alles beim Alten lassen?

Einfache Lösungen nach dem Muster, „Ich habe Recht und die anderen liegen falsch“ funktionieren in einer komplexen Welt nicht mehr. Denn niemand weiß wirklich, wie der Hase laufen muss, trotz Wissenschaft, Zukunftssimulationen oder Gott. Wir müssen alle unseren eigenen Weg durch den Dschungel von Argumenten, Meinungen und Interessen finden. Das ist anstrengend und oft nicht lustig. Aber wir können auch viel gewinnen: Klarheit, Entschlossenheit, vertiefte Beziehungen und gemeinsame Lösungsperspektiven für Probleme, die so komplex sind, dass wir sie sowieso nur mit anderen lösen können.

Diesem Gewinn kommen wir jedoch nur näher, wenn wir gegenüber anders Meinenden konstruktiv bleiben. Eine Herausforderung. Denn je mehr uns andere in Frage stellen, desto schneller verführt uns die Stressreaktion zum Zuschlagen oder Kopf in den Sand stecken. Um konstruktiv zu bleiben, hilft es sehr unsere Gemeinsamkeiten mit Andersdenkenden zu entdecken. Das geht einfacher mit dem Herz als mit dem Kopf. Hier eine Übung dazu.

  • Jede Meinungsverschiedenheit kann Anlass für diese Übung im „stillen Kämmerlein“ sein. Am einfachsten ist sie, wenn es um die Meinung einer konkreten Person geht.
  • Machen Sie sich zuerst bewusst, was die widersprüchliche Meinung bei Ihnen auslöst, vor allem dann, wenn sie verbunden ist mit Abwertung, Vorwürfen und oft impliziten Forderungen. Gestehen Sie sich Ihre Reaktion in Form von Gedanken, Gefühlen und Handlungsimpulsen zu. Ohne Wenn und Aber, was nicht bedeutet, die Handlungsimpulse auch automatisch auszuagieren. Vielleicht entdecken Sie dabei, welche Bedürfnisse, Wünsche und Befürchtungen hinter ihren Reaktionen stehen.
  • Wenn Sie sich genug Aufmerksamkeit, Verständnis und vielleicht auch Mitgefühl für Ihre eigene Reaktion geschenkt haben, gehen Sie dann mit Ihrer Aufmerksamkeit zu der andersmeinenden Person und sehen Sie von sich ab. So gut das geht. Versetzen Sie sich voll und ganz in die Perspektive der anderen Personen. Fühlen Sie sich in ihre Meinung, ihr Verhalten ein. Lassen Sie sich von Ihrem Herz sagen, welche Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche und Befürchtungen dahinterstehen können?
  • Achten Sie nun darauf, was sich im Verhältnis zum Andersmeinenden verändert hat. Vielleicht nichts. Vielleicht hat sich aber Ihr Verständnis vertieft. Vielleicht ist Ihnen bewusst geworden, wie wenig es bei der anderen Meinung um Sie geht. Vielleicht haben Sie sogar Gemeinsamkeiten entdeckt. Das bedeutet nicht die Meinung des Gegenübers zu teilen, aber gemeinsame Gefühle und Bedürfnisse verbinden. Eine gute Grundlage für ein neues Gespräch.

Ich wünsche Ihnen viel Herz mit Andersdenkenden.

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