Putzen – ein sinnliches Event


Ich putze nicht gerne. Sie? Es kostet Zeit. Es macht keinen Spaß. Es wird aufgeschoben. Es „drückt“, weil es doch irgendwann erledigt werden muss. Das „Ich-sollte-noch“ oder „Ich-müsste-eigentlich“ vermiesen die Stimmung gerade dann, wenn die größten Anstrengungen, die uns Arbeit oder Privatleben abverlangen, überstanden sind. Der Wunsch nach Entspannung und Beine hochlegen liegt dann in einem zermürbenden Kampf mit dem inneren Ordnungsamt, das erst dann Ruhe gibt, wenn seine Forderung erfüllt ist – wie die meisten Ämter.

Übrigens, falls Sie gerne putzen (was es auch geben soll), finden Sie sicher andere Tätigkeiten bei der Arbeit oder zuhause, die Ihnen keinen Spaß machen, aber trotzdem erledigt werden müssen.

Denn genau diese Tätigkeiten sind ideale Gelegenheiten, Achtsamkeit im Alltag zu üben. Besteht doch Achtsamkeit darin, sich bewusst zu werden, was gerade passiert. Und das kann bedeuten, dass wir uns bewusstwerden, wie wir das Unangenehme durch den Widerstand noch größer und unangenehmer machen. Wir haben das zwar alle schon erlebt, wie das befürchtete Unangenehme erstaunlicherweise schrumpft und seinen Schrecken verliert, wie der Scheinriese Tur Tur aus „Jim Knopf“, sobald wir in seine Nähe kommen und das Unangenehme tatsächlich anpacken Doch das vergessen wir schnell angesichts der nächsten bevorstehenden Unannehmlichkeiten, die wieder so wirken wie Herr Tur Tur aus der Ferne. Es braucht viel Übung, Geduld und Wohlwollen, um uns immer wieder daran zu erinnern, wie klein Herr Tur Tur in Wirklichkeit ist.

Die folgende Übung bezieht sich zwar aufs Putzen, aber wie schon erwähnt, es gibt viele Alternativen. Denn das Unangenehme im Leben, lässt sich nicht ausrotten und es ist leichter zu akzeptieren, wenn wir das Angenehme im Unangenehmen entdecken.

  • Wenn Sie sich also das nächste Mal zum Putzen entschließen, entschließen Sie sich auch, das Putzen zu einem sinnlichen Event zu machen. Denn im Gegensatz zu den ziemlich eintönigen Fingerübungen, die wir an den Displays dieser Welt ausführen, bietet Putzen ein Feuerwerk an Bewegungen, an denen Sie sich umso mehr erfreuen können, je mehr Sie Ihnen bewusst werden.
  • Achten Sie bei den vielen unterschiedlichen Tätigkeiten des Saubermachens darauf, was Ihre Muskeln machen Spüren Sie Ihren Körper; wenn er staubwischt, staubsaugt, Boden wischt, Waschbecken, Dusche oder Badewanne putzt. Was tun Ihre Finger, Ihre Hände, was Ihre Beine, was ihr Rumpf.
  • Welche Absichten haben Sie beim Putzen. Wie entscheiden Sie, was Sie als nächstes tun. Wie entscheiden Sie, dass etwas sauber genug ist. Gerade weil das Meiste automatisch passiert, kann es spannend sein, Ihre Absichten und Entscheidungen zu erforschen. Vielleicht entdecken Sie Muster, die Sie auch aus anderen Bereichen kennen: perfekt sein, bloss schnell drüberwischen, andere zufriedenstellen, selbst glänzen, sich wieder wohlfühlen können usw.
  • Vielleicht bemerken Sie beim Putzen auch Momente, in denen Sie sich freuen. Vielleicht freuen Sie sich darüber, dass Sie sich endlich überwunden haben zu putzen. Vielleicht erfreut es Sie, wenn etwas Verschmutztes jetzt sauber ist. Vielleicht  haben Sie Spaß daran, sich zu bewegen und das Dauersitzen unterbrochen zu haben. Egal, was Sie freut. Beachten Sie es und kosten Sie Ihre Freude aus.
  • Erwarten Sie nicht zu viel. Unterschätzen Sie nicht, wie schwer es sein kann, sich beim Putzen auf das Putzen zu konzentrieren und den Geist zur Ruhe kommen zu lassen. Das braucht Übung, wie jede Meditation. Bleiben Sie deshalb freundlich zu sich, wenn Sie merken, dass der Putz-Tur-Tur auch aus der Nähe immer noch ziemlich groß und Putzen immer noch ziemlich unangenehm ist. Achten Sie auf die kleinen Veränderungen und Errungenschaften. Das reicht.

Ich wünsche Ihnen viel Freude damit, im Reinen zu sein.

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